Möge die Macht der Sterne mit euch sein. Warum wir Horoskope lesen.

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W eil ich pünktlich zum Start des neuen Jahres mit einer handfesten Erkältung aufs Sofa gefesselt bin, mache ich komische Sachen. Zum Beispiel Horoskope lesen. Kurz nach dem Winterurlaub, wenn Familie, Freunde und Kollegen voller Elan ins neue Jahr starten und selbst die Kinder wieder gerne zur Schule gehen, befrage ich aus lauter Krankheits-Frust die Sterne nach der Konstellation für das noch frische Jahr. Und ich wundere mich über mich selbst, da ich normalerweise nicht an Astrologie, Sternendeuterei und übersinnliche Kräfte glaube.

Ungefähr 75.000 deutsche Treffer bringt mir Google bei der Abfrage zum Fische Jahreshoroskop 2016. Gelangweilt klicke ich mich durch die kunterbunten und extrem schlecht gestalteten Seiten von Spiritisten und astrologischen Lebensberatern. Neben digitalen Pornoangeboten sind wahrscheinlich nur Horoskop-Websites hässlicher und liebloser gestaltet. Kreischende Farben, Überschriften, Grafiken und Layouts, die das Auge beleidigen und Inhalte, die banal, austauschbar und miserabel geschrieben sind. 

Außerdem finde ich nicht mal eine Vorhersage, die ich glauben möchte, obwohl ich wirklich willig bin. Auf der Seite Schicksal.com/Horoskope lese ich, dass 2016 das Jahr des Mars ist – nicht unbedingt leicht für Fische. Schuld daran soll Saturn sein, der das ganze Jahr über im Quadrat auf die Fische einwirkt. Aha, im Quadrat.

Das Jahreshoroskop auf der Seite von t-online prophezeit mir, dass ich mit Einsatzfreude und Realitätssinn 2016 große Erfolge erzielen könne. Es könnte aber auch passieren, dass mich der Alltag in die Fänge bekäme. Dann sei es wichtig, sich nicht zurückzuziehen, sondern über Gefühle zu sprechen. Außerdem legt mir dieses Jahreshoroskop nahe, dass viel frische Luft und Bewegung für mich 2016 selbstverständlich sein solle, ich mir Zeit für meine Hobbies nehmen und meinem Interesse an Kunst und Kultur folgen solle.

Geradezu deprimierend finde ich das Fische-Horoskop auf  jahreskoroskop.eu. Schon durch die fettgedruckte Überschrift „Verlorener Posten“ werde ich entmutigt. Hier bietet die Firma Funsurfen ihre astrologischen Fachkenntnisse an und rät mir, ich solle von meinem selbstgebauten Thron steigen, mir einen Zacken aus der Krone brechen und bei Steinböcken oder Jungfrauen einen Gesundheitskurs buchen. Wörtlich heißt es hier „Armes Fischlein! Sie sind eines der einfühlsamsten und mitfühlensten Sternzeichen. Dadurch neigen sie aber auch zu verstärktem Selbstmitleid, und genau das wird in diesem Jahr eine ihrer größten Stärken oder Schwächen sein.“

2016 erwarten mich aufregende Planeten-Bewegungen

Das Horoskop aus der „Welt“ ist von „Star-Astrologin“ Susan Miller. Sie ist Amerikas populärste Astrologin, veröffentlicht Bücher am laufenden Band und verfasst Horoskope für zehn verschiedene Magazine, darunter die japanische Vogue und die amerikanische Elle.  Ihre Website astrologyzone.com verzeichnet sechs Millionen Klicks pro Monat.

Die Website von Star Astrologin Susan Miller verzeichnet jeden Monat sechs Millionen Klicks.

Die Website von Star Astrologin Susan Miller verzeichnet jeden Monat sechs Millionen Klicks.

Was ich hier lese, hört sich schon anders an: Einen Wendepunkt in meinem Leben würde ich erwarten, schreibt Susan. Daran seien die zahlreichen aufregenden Planetenbewegung schuld. Und das dabei Jupiter, Venus, Mars, Saturn und die anstehenden Finsternisse in den Sternbildern Fische und Jungfrau eine große Rolle spielen würden. Dann orakelt Susan, ich würde heiraten und katapultiert sich damit aus dem Rennen. Verheiratet bin ich schon und auch wenn ich Susans weitere Prophezeihungen auf eine nie dagewesene Karrierechance, auf neue aufregende, komplexe Projekte, die mir in den Schoß fallen und von denen ich bisher nicht einmal geträumt habe, sehr verlockend finde.

Jeder fünfte Deutsche glaubt an Horoskope

Inzwischen beschäftige ich mich seit einigen Stunden online mit der Recherche nach einem Horoskop, das zu mir passt und das ich gut finde. Wieso tue ich mir das eigentlich an? Ich bin erwachsen und habe studiert. Aus der Kirche bin ich schon lange ausgetreten. Normalerweise interessieren mich Magier, Scharlatane und Wahrsager nicht die Bohne. Also wieso sitze ich jetzt hier, klicke mich durch zahllose, schlecht geschriebene astrologische Voraussagen und suche nach Beschreibungen, die auf mich zutreffen könnten? Immerhin bin ich damit nicht allein. Jeder fünfte Deutsche ist genauso anfällig für Horoskope wie ich. In einer repräsentativen Umfrage des Offenbacher Marplan-Institut bekennen sich fast 19 Prozent zu ihrem Glauben an Horoskope. Rein wissenschaftlich gibt es jedoch überhaupt keinen nachgewiesenen Zusammenhang zwischen dem menschlichen Verhalten und irgendwelchen Sternen-Konstellationen. Alles Quatsch, also. Aber warum treffen dann die in unseren Horoskopen beschriebenen Vorkommnisse in der Realität so oft zu?

Der Glaube an Horoskope: Nur ein psychologisches Phänomen?

Ein psychologisches Phänomen bringt hier Licht ins Dunkel: Der Barnum-Effekt, auch Forer-Effekt genannt, bezeichnet die Neigung des Menschen, vage und allgemeingültige Aussagen über die eigene Person als zutreffende Beschreibung zu akzeptieren. 1948 gab der amerikanische Psychologe Bertram R. Forer vor,  mit seinen Studenten einen Persönlichkeitstest absolvieren zu wollen. Er händigte ihnen anschließend die Auswertungen aus und fordert sie auf, deren Wahrheitsgehalt von 0 (trifft gar nicht zu) bis 5 (trifft sehr gut zu) zu beurteilen. Durchschnittlich bewerteten die Studenten die Ergebnisse des Tests mit circa 4 Punkten, also überwiegend zutreffend. Allerdings bewerteten alle Studenten den gleichen Text und diesen hatte der Psychologe aus einem Zeitschriften-Horoskop zusammen geschrieben.

Wir akzeptieren also automatisch Beschreibungen, wenn uns vermittelt wird, dass sie auf uns zutreffen, auch wenn sie das nicht tun, achten auf Dinge, die uns vorhergesagt werden und fühlen uns bestätigt, wenn diese eintreffen. Gleichzeitig blenden wir Aussagen aus, die wir für nicht richtig halten. So etwas nennt man auch selbsterfüllende Prophezeihung.

Das Horoskop als Sicherheitsgurt beim wilden Ritt durchs Leben

Dann falle ich also nur auf rethorische Tricks und psychologische Kniffe rein? Mag sein. Den großen Erfolg von Horoskopen erklärt das alleine jedoch nicht. Da muss mehr dahinter stecken. Vielleicht wollen Menschen einfach glauben, auch wenn sie glauben, dass sie nicht mehr glauben. Vielleicht sehnen wir uns danach, nicht alleine zu sein, wenn wir wichtige persönliche Entscheidungen treffen und die Verantwortung dafür übernehmen müssen. Wenn ich mir also einen Kopf um meine Zukunft mache, die Möglichkeiten abwäge, die ich habe und um Entscheidungen ringe, habe ich natürlich auch Angst vor falschen Entscheidungen. Lese ich Beschreibungen von positiven Situationen in der Zukunft, fühle ich mich positiv verstärkt. Das sichert mich ab und gibt mir das Gefühl: Alles wird gut. So wird das Horoskop zum Sicherheitsgurt beim wilden Ritt durchs Leben.

Gefühlte vier Stunden und unzählige Jahreshoroskope später habe ich es dann doch noch gefunden: Mein Traumhoroskop für 2016. Auf der Online Seite der deutschen Vogue beschreibt der amerikanische Astrologie-Journalist Michael mein 2016 folgendermaßen: „Man fürchtet und liebt Sie für Ihre so irritierende wie inspirierende Botschaft und für Ihr komplexes Wesen – zu welchem heißes Blut, ein brillantes Gehirn, eine hohe emotionale Intelligenz, aber auch der ewig nagende Zweifel gehören. Damit wären wir bei der Katze, die aus dem Sack will: 2016 ist kein Jahr für Unsicherheiten oder dafür, die Temperatur Ihres Blutes auf lau zu schalten – der Weg zum Gipfel liegt vor Ihnen. “

 

Danke Michael, danke Vogue. Jetzt kann 2016 kommen!

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