Analog, digital, banal? Oder, wer liest das eigentlich?

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Oberfläche / Spannung / Transformation
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I ch bin ein Medien-Mensch. 2015 hat das nicht mehr fast ausschließlich mit auf Papier gedruckten Medien zu tun. Als ich jedoch vor 20 Jahren mit der Kommunikation anfing, gab es neben den Print-Medien gerade mal noch Radio und TV. Fertig! Frauen-, Publikums- und Modemagazine waren meine Leidenschaft. Der wöchentliche Gang zum Kiosk war Pflicht und die Magazine stapelten sich in Wohnung und Büro in die Höhe.

Heute ist das einzige Magazin, das noch ab und zu den Weg auf meinen Couchtisch findet, die Brigitte. Sie inspiriert mich, wenigstens ab und zu. Die Klamotten sind tragbar und es gibt interessante Geschichten über spannende Frauen. Die Rezepte und die Literaturtipps sind super und ich liebe das Kreuzworträtsel. Ansonsten nutze ich offline nur noch den Berliner Tagesspiegel. 

Umso mehr wundert es mich, wie viele Magazine regelmäßig neu am Kiosk erscheinen. Wer liest das eigentlich alles? Wie viele von den Neuerscheinung überleben das erste Jahr und können sich etablieren? Und mit welchen Nischen versuchen die Verlage dem Digital-Trend entgegen zu drucken? Ich beschloss, die Zeitschriften-Launches des vergangenen Jahres unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht brauchte ich aber auch nur eine Ausrede, um mal wieder einen Stapel Zeitschriften zu shoppen. Jedenfalls machte ich mich freudig erregt auf den Weg zum nächstgelegen Kiosk und kaufte mich einmal quer durch die bunten Regale. Zuhause vergrub ich mich in den Berg bunter Blätter und begann mit meiner Analyse.

Carefully mann-bleib-gesundDas Genre der Magazine, die sich mit dem Thema Gesundheit beschäftigen, boomt schon eine ganze Weile. Zeitschriften wie Vital oder Psychologie heute kümmern sich um die physische und psychische Gesundheit der deutschen Middleager. Die Newbies dieser Titelgattung gehen einen Schritt weiter: Titel wie Carefully, Miles oder Natur und Heilen verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz. So beschreibt z.B. das Magazin Carefully aus dem Hause Burda seine Zielgruppe als Menschen, die Gesundheit als Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele verstehen.

Außerdem fällt mir auf, dass jetzt auch „Männergesundheit“ im Zeitschriftenregal vertreten ist. Ein Magazin wie Mann, bleib gesund wäre noch vor 5 Jahren undenkbar gewesen für die „ein-Indianer-kennt-keinen-Schmerz“-sozialisierten Jungs meiner Generation.

Auch der Do it yourself-Trend beschert den Verlagshäusern schon seit einigen Jahren gute Umsätze. Mit Brigitte Kreativ, COUCH Do it yourself oder selfmade living kommen weitere Mitmach-Hefte auf den Markt.

Ein ganz neues Genre eröffnen Zeitschriften wie flow oder ma vi. Diese aufwändig gestalteten Hefte mit schönem Papier, Ausmal-Karten oder Give-Aways wie hochwertigen Geschenk-Anhängern positionieren sich als Anleitung zu mehr Achtsamkeit und bewusstem Leben. Mir gefallen diese Zeitschriften richtig gut und bieten mit einer sehr geschmackvollen Haptik eine echte Alternative zum Online-Schmökern. Allerdings sind sie auch richtig teuer und mit Preisen zwischen 8 und 12 € muss man sich dieses Vergnügen auch wirklich leisten können.

Die Frauenmagazine dagegen werden immer günstiger. Und älter: Nachdem Gruner & Jahr schon vor vielen Jahren mit Brigitte Women eine Frauengeneration jenseits der 40 ansprach, will der Verlag mit WIR die Frauen ab 60 erreichen. Es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass ältere Frauen wohl doch noch eher gedruckte Medienerzeugnisse lesen.

Mit VIVA bringt der gleiche Verlag sogar noch ein weiteres Magazin für die, die „reif fürs Leben“ sind auf den Markt – hier allerdings gleichermaßen für Männer und Frauen. VIVA möchte ein Magazin sein, das von authentischen Geschichten über Frauen und Männer lebt, die sich Träume erfüllen und Neues wagen. Aber auch von solchen, die mit ihrem Leben zufrieden sind, weil sie etwas Sinnvolles tun und ein Beispiel für andere sein können.

VIVADie erste Ausgabe haut mir den Titel „Abenteuer Wechseljahre“ um die Ohren. Da muss ich natürlich zugreifen. Den Ansatz von VIVA finde ich nicht schlecht und auch der Versuch, sowohl Frauen, als auch Männer anzusprechen ist innovativ. Außerdem bin ich natürlich gleich ein Fan, wenn das Thema „Wechseljahre“ endlich aus der „Ähbäh-Ecke“ rauskommt. Unterstützung zu bekommen für einen anderen Umgang mit einem wichtigen Change-Prozess unseres Lebens, der so tabubehaftet ist, war überfällig. Und zwar für Frauen wie für Männer gleichermaßen.

Die meisten neuen Magazine sind bescheidener geworden, was die Auflagenzahlen betrifft. Ich habe das Gefühl, dass eigentlich nur die Corporate Medien in immer fetteren Auflagen gedruckt werden. Die Verlage starten vorsichtig ihre Testballons und hoffen auf die Wiederholung des Überraschungserfolges Landlust vor ein paar Jahren. Da hatte keiner auf dem Schirm, wie sehr der Markt wohl reif war für ein Magazin über Land, Haus & Garten.

Wenn also der Zeitschriften-Markt eher dünner wird, dann werden die Leser wahrscheinlich ins Netz abgewandert sein. Oder? In der aktuellen Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse finde ich interessante Zahlen und Erkenntnisse über die Mediennutzung der Deutschen. So nutzen fast schon die Hälfte (42 %) der 50 bis 69jährigen regelmäßig das Internet. 35 % von Ihnen gehen sogar regelmäßig mobil ins Netz. Insgesamt ist das Internet seit 2014 das Informationsmedium Nummer 1 und hat sogar das Fernsehen abgelöst. Noch 2002 lag es auf Platz 5, hinter Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften und Radio. Allerdings nicht für tagesaktuelle Nachrichten, die verfolgt man nach wie vor lieber auf der Glotze oder liest sie in der Zeitung.

Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse

Bei der Suche nach neuen Online-Angeboten surfe ich allerdings ins Leere. Wo sind die Plattformen der Verlage für mich? Meine Rechercheergebnisse sind dünn und kommen über Angebote wie www.seniorenblog.eu oder www.ladyofstyle nicht hinaus. Das gibt’s doch gar nicht! Natürlich sind wir älter als das Internet, aber immerhin bewegen wir uns auch seit 20 Jahren darin, haben Smartphones, shoppen online, skypen, sind bei Facebook, Instagram, Twitter, nutzen WhatsApp etc.

Wieso gibt es keine guten, interessanten und spannenden digitalen Medien für uns? Wo kann ich mich modisch inspirieren lassen und muss nicht den Blogposts 20jähriger folgen? Wer macht die klugen Artikel über das Miteinander von Männern und Frauen, oder schreibt über Lust und Leid  gleichgeschlechtlicher Liebe? Wie informiere ich mich über gesundes Essen für mich und meine Familie-  abseits von Vegan-paläo-glutenfrei-Wahn und anderen extremen Food-Trends? Und wo kriege ich Anregungen für einen Fashion-Style, der nachhaltig, bezahlbar und individuell ist und trotzdem Spaß macht. Halloooo Verlage, hört mich keiner?

Wenigstens werden die neuen Magazine auch digital vertreten sein denke ich mir und google nach Wir und VIVA. Es gibt aber nur Berichterstattung über die Neuerscheinung und keine Online-Präsenzen. Während die „jüngeren“ Zeitschriften wie selbstverständlich auch online aufgestellt sind, hier: Gähnende Leere, keine digitale Entsprechung. Bin ich wirklich die Einzige, die erwachsene digitale Angebote vermisst? Oder bin ich einfach nur zu blöd, die tollen Angebote zu finden? Geht es euch genauso? Her mit euren Erfahrungen und Tipps für tolle Inhalte im Netz!

 

2 Kommentare

  1. Ellen sagt

    Ich glaube, dass eine innovative Lösung nicht von den Verlagen kommt. Ähnlich wie bei der Musikindustrie werden es externe Ideen sein, die hier erfolgreich sind. Vielleicht auch solche Initiativen wie funkyfifty?

  2. Eigentlich war ich noch nie der große Zeitschriften- und Zeitungsleser. Mal abgesehen von P.M. als 16jähriger. Heute lese ich wenigstens ab und zu mal den Spiegel, die Welt oder die SZ – aber nur digital.

    Du stellst die richtigen Fragen und es gibt noch wenige Angebote, die gut sind. Ich habe mich vor einigen Monaten mal mit Burda-Leuten (darunter der Innovationsmananger, als es einen solchen noch gab) unterhalten. Dort werden nach wie vor die alten Strukturen gelebt. Die Redakteure sind die Kings, Print das Mittel der Wahl, Online und Print von einander getrennt und zwar so, dass eine gute Zusammenarbeit nicht möglich ist. Das waren zumindest meine Eindrücke.

    Verlagshäuser sind Traditionalisten. Sie reden und schreiben viel über Innovation, aber den Mut, Neues auszuprobieren und ein echtes digitales, multimediales Format mit Mehrwert für die Nutzer zu kreieren hat wohl keiner.

    Auch werden die Print-Produkte heute noch so produziert, wie vor hundert Jahren. Man könnte dem Print aber einen ganz anderen Stellenwert beimessen. Print ist Haptik und Geruch. Digital ist die schnelle Sau. Darüber sollte man mal nachdenken.

    Mal sehen. Vielleicht tut´s ja im nächsten Jahr mal jemand. In diesem Sinne … frohe Weihnachten und happy new year!

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