Was denn nun? Sorglos oder ängstlich?

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Spannung
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D a bringt der Berliner Tagesspiegel an zwei Tagen hintereinander fette Artikel auf der Grundlage von Studien, welche die Versicherungswirtschaft in Auftrag gegeben hat. Am Donnerstag ging es um die „Generation Sorglos“ und eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach, während am Freitag vom R+V Infocenter gefragt wurde, was die Deutschen am meisten fürchten.

Beide Veröffentlichungen bekamen jeweils fast eine ganze Seite, einmal ist es die Seite 2 „Frage des Tages“, am Folgetag die Titelseite des Wirtschaftsteil. Und eigentlich lese ich die Artikel nur, weil ich stutzig werde und mich frage, was denn nun? Denn auf den ersten Blick vermitteln die Beiträge ganz unterschiedliche Bilder des Gemütszustandes der Deutschen. 

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) befragte 1.020 Personen im Alter von 30 bis 59 zur Lebensqualität in Deutschland und stellte fest, dass die „Generation Mitte die Lebensqualität in Deutschland äußerst positiv bewertet.

Das R+V Infocenter Wiesbaden dagegen kam in seiner Studie „Die Ängste der Deutschen 2015“ zu dem Fazit: „Aktuelle Bedrohungen und Herausforderungen, die von außen auf Deutschland zukommen, bereiten den Bürgern sehr große Sorgen.

Davon abgesehen, dass die R+V Versicherung im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft organisiert ist und somit auch gleichzeitig der Absender der einen wie der anderen Studie ist, suggerieren uns hier die Versicherer an zwei aufeinander folgenden Tagen

• Dass wir sorglos sind und im Alter schön in die Röhre gucken werden, wenn wir so weiter machen und keine private Vorsorge betreiben.

• Dass wir ängstlich sind und befürchten, dass uns die Kosten durch die Schuldenkrise von EU-Staaten erdrücken werden.

Wenigstens fragt Ronja Ringelstein, Autorin beider Artikel und freie Tagesspiegel-Mitarbeiterin im „Generation Sorglos“ Artikel nach den Interessen der Versicherer an dieser Umfrage und lässt GDV-Chef Erdland zu Wort kommen. Dieser spricht dann über die gesellschaftliche Verantwortung der Versicherer, dass Vorsorge betrieben wird und dass man bereits mit der Politik im Gespräch sei, um Altersarmut zu verhindern. Ganz ohne Eigeninteresse, natürlich.

Wir sind eben nicht schwarz-weiß

Schaut man sich beide Studien genauer an, erkennt man natürlich, dass die Inhalte differenzierter sind, als es auf den ersten Blick erscheint. Auf den Plätzen 2, 3 und 4 der Angst-Skala stehen die Sorgen der Deutschen vor Naturkatastrophen, Terrorismus und Konflikte durch Zuwanderung.

Bei großen wirtschaftspolitischen Fragen sind die Deutschen jedoch erstaunlich entspannt. Die Ängste vor einer Wirtschaftsflaute oder vor Arbeitslosigkeit – vor 10 Jahren noch Top-Themen der Deutschen – sind heute geringer als je zuvor im Verlauf der Studie. Erstaunlich: Die seit über zwei Jahrzehnten konstant große Furcht vor steigenden Lebenshaltungskosten ist um 10 Prozentpunkte abgesackt – mehr als jede andere Sorge in diesem Jahr.

Aber auch bei hoher Zufriedenheit gibt es gravierende Defizite, die die Befragten verändern zu würden, z.B. das Bildungssystem, die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder die Kluft zwischen Arm und Reich.

Insgesamt schon interessant, vor allem im Vergleich der beiden Studien, finde ich. Etwas mehr Reflexionsvermögen sowohl von der Autorin, als auch seitens des Tagesspiegels hätte ich mir gewünscht. Und dass es jemandem auffällt, wenn in so kurzem zeitlichem Abstand so widersprüchliche Inhalte veröffentlicht werden. Denn es ist, auf der Grundlage beider Studien, tatsächlich möglich, ein differenziertes Bild von uns Deutschen zu zeigen – das eben nicht schwarz-weiß ist, sondern bunt und differenziert. Dass es uns gut geht, dass wir aber auch Ängste haben. Dass wir versuchen im hier und jetzt zu leben, aber natürlich auch eine gewisse Sicherheit schätzen. Dann fände ich es sogar ok, dass die Versicherer versuchen, uns mit ihren teuren Studien zu verunsichern. Aber vielleicht ist das zu langweilig.

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  1. Wir hatten ja schon über die beiden Artikel gesprochen. Dass die aber auch noch von der gleichen Autorin sind, hatte ich gar nicht bemerkt. Ist sicher kein Skandel – aber irgendwie doch ein wenig komisch. :)

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